• Ralf

Willst du recht haben oder wahrhaftig sein?

In den 50er Jahren legte der Sozialpsychologe Solomon Asch einer Gruppe von Freiwilligen Karten mit unterschiedlich langen Linien vor und bat sie, diejenigen auszuwählen, auf denen die Linien gleich lang waren.

Der Gag an der Sache: Die meisten Probanden waren in das Experiment eingeweiht und gaben absichtlich allesamt die gleiche, eindeutig falsche Antwort „A“. Asch wollte wissen, ob sich die echten Versuchsteilnehmer davon beeinflussen ließen. Das Ergebnis war verstörend: Nach leichtem Zögern schlossen sich rund 80 Prozent der untersuchten Personen der Mehrheitsmeinung an und stimmten der falschen Antwort zu. Offenbar ist der Drang nach Konformität bei uns Menschen so stark ausgeprägt, dass wir unter bestimmten Bedingungen tatsächlich glauben, dass eine blaue Wand grün ist oder dass Zwei plus Zwei Fünf ergibt. Dieses Phänomen tritt paradoxerweise umso stärker auf, je höher der soziale und wirtschaftliche Status einer Person ist. Gebildete und/oder wohlhabende Menschen machen sich mehr Gedanken darüber, was andere von ihren Meinungen halten könnten. Weil sie einen akademischen Ruf oder eine gute berufliche Position zu verlieren haben. Auch das ist empirisch vielfach untersucht worden. Je gebildeter und klüger ein Mensch ist, umso geschickter ist sein Gehirn, ihm den größten Blödsinn als vernünftige Idee zu verkaufen, solange es seinen sozialen Status hebt. Dadurch neigt das gehobene Bildungsbürgertum stärker dazu, irgendwelchen intellektuellen Schnapsideen hinterherzuhängen als einfache Leute. Der amerikanische Daten-Analyst David Shor stellte in umfangreichen Studien fest, dass gebildete Menschen tatsächlich ideologisch extremere Ansichten vertreten als Menschen aus der Arbeiterklasse. Der ideologische Mitläufer sitzt also weniger am Stammtisch, sondern eher im Hörsaal.


Das erschreckende daran ist: Vielen ist das Ergebnis klar und trotzdem fehlt oft das Selbstbewusstsein oder die innere Überzeugung.

Besonders als Trainer oder Führungskraft muss man sich bewusst sein, dass man auch mal falsch liegen kann. Einfach mal in die Runde fragen und ungesteuert diejenigen reden lassen, die gerade das Wort ergreifen, kann genau zu den oben beschriebenen Ergebnissen führen. Schnell ist ein lauter oder hierarchisch höherer Meinungsführer gefunden, dem sich die Mehrheit anschließt. Am Ende steht das Ergebnis der Rädelsführer und es wird behauptet „Wir haben doch alle eingebunden!“.


Wenn man auf neue Ideen und Erkenntnisse abzielt, ist so ein Vorgehen nicht sinnvoll. Die zentrale Frage lautet wie immer: „Will ich recht haben oder wahrhaftig sein?“

Ein Erfolgsfaktor kann hier die Vielfalt sein. Je mehr Perspektiven, desto höher die Entscheidungsqualität.


Aber Vorsicht: Viele Perspektiven alleine machen noch keine richtige Entscheidung. Es braucht auch die Fähigkeit, die unterschiedlichen Meinungen zu moderieren, bewerten und in den Kontext der Aufgabe bzw. Fragestellung zu bringen. Es geht also darum, den Gehalt von Aussagen dahingehend zu prüfen, ob damit das gemeinsame oder das individuelle Ziel verfolgt werden soll. Das zeigt erneut die Bedeutung von transparenten, nachvollziehbaren und motivierenden Zielen für Führungskräfte.

Stay gr8.


Basierend auf:

Das Konformitätsexperiment von Asch, 1951 von Solomon Asch veröffentlicht, war eine Studienreihe, die zeigte, wie Gruppenzwang eine Person so zu beeinflussen vermag, dass sie eine offensichtlich falsche Aussage als richtig bewertet.

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